ARTIKEL IN "DER TAGESANZEIGER"

Photo: Sophie Stieger (Fotoausschnitt) 

 

Bioprodukte für Wipkingens junge Familien

L’Ultimo Bacio versorgt Wipkingen seit 2006 mit Bioprodukten. Dominik Hungerbühler freut sich über steigende Umsätze. Seit über zwanzig Jahren gehen an der Nordstrasse Bio- und Fairtradeprodukte über den Ladentisch. Bis 2006 lebte der Wipkinger Bioladen von einer überschaubaren Stammkundschaft.

Seit Dominik Hungerbühler das Geschäft übernommen hat, haben die Umsätze markant zugenommen. Mittlerweile beschäftigt der 33-Jährige sieben Teilzeitangestellte und zwei Lehrlinge. Da der benachbarte Coiffeursalon Ende Jahr geschlossen hat, konnte Hungerbühler die Ladenfläche im Frühling um ein Drittel vergrössern. Seit der Wiedereröffnung ist L’Ultimo Bacio abends bis elf Uhr geöffnet. «Am Abend läuft es noch besser als tagsüber», freut sich Dominik Hungerbühler. Dies ist nicht weiter erstaunlich, denn die Lage im Trendquartier könnte besser nicht sein. Ein Tankstellenshop fehlt in Wipkingen, und bis zur nächsten Coop-Pronto-Filiale am Schaffhauserplatz ist es weit. Neben einem türkischen Quartierladen und dem Kiosk am Röschibachplatz ist L’Ultimo Bacio das einzige Geschäft in der Umgebung, das abends geöffnet ist. Wem nach dem Feierabendbier in der Nordbrücke der Magen knurrt, der schaut auf dem Heimweg im Bioladen vorbei.


Nicht nur für Chörnlipicker 
Hungerbühler schätzt, dass nur ein Viertel seiner Kundschaft aus Überzeugung Bioprodukte kauft. Indem er eine Mischung aus biologischangebauten Delikatessen und klassischen Reformhausprodukten anbietet, konnte Hungerbühler das «Chörnlipicker-Image» überwinden, das Bioläden lange anhaftete. Mit 3500 Produkten ist das Angebot von L’Ultimo Bacio breiter als in manchem Supermarkt. Am besten verkaufen sich Grundnahrungsmittel. Bei den vielen jungen Familien des Quartiers ist gluteinfreie Babynahrung sehr beliebt. Auch bei der Naturkosmetik sind die Absätze steigend. Was Kosmetik- und Ernährungsfragen betrifft, können die Kunden auf eine fundierte Beratung zählen. An Teamsitzungen tauschen die Mitarbeiter bei Rollenspielen und Vorträgen ihr Fachwissen aus. Trendige Produkte wie das Stadtzürcher-Eis Sorbetto und die Tessiner Limonade Gazosa kennt die junge Kundschaft aus den Szenelokalen der Stadt. Anderes weckt die Kulinarische Neugierde: In der Käseauslage findet man «Rüeblichäs» und eine Ziegenkäserolle mit Senf-Schrot. Das hauseigene L’Ultimo-Bacio-Brot backt man mit Emmer, der ältesten Getreidesorte Europas. Auch das Alkoholsortiment bietet Geschmacksnuancen fernab des Gewöhnlichen. Gelegentlich veranstaltet Hungerbühler Weindegustationen mit Antipasti und Musik. Vor dem Kaffeegestell schwärmt der Geschäftsführer vom Aroma des Wildkaffees, der im äthiopischen Dschungel angebaut wird.

Durch Zufall Ladenbesitzer 
«Auf fast allen Olivenölen steht extra vergine, doch nur die wenigsten verdienen diese Bezeichnung tatsächlich», sagt Dominik Hungerbühler vor der Olivenölauslage. Hier findet sich neben verschiedenen Bio-Olivenölen auch ein Dreiliterkanister der Marke L’Ultimo Bacio. Mit diesem Olivenöl hat Hungerbühlers Karriere als Jungunternehmer vor vier Jahren begonnen. Der Thurgauer verliebte sich in den Geschmack der Oliven aus der süditalienischen Region Basilicata, spannte mit lokalen Kleinbauern zusammen und importierte das Olivenöl in die Schweiz. Auf der Suche nach Abnehmern landete er zufällig im Bioladen an der Nordstrasse. Die damalige Ladenbesitzerin nahm das Olivenöl in ihr Sortiment auf und fragte Hungerbühler einige Monate später, ob er ihr Geschäft übernehmen wolle. Da er sein berufliches Glück weder als Banker und Journalist, noch als Kinderpfleger und Schauspieler gefunden hatte, nahm Hungerbühler das Angebot an. Seine Faszination für Lebensmittel hat Hungerbühler als Koch eines illegalen Restaurants in einem besetzten Haus entdeckt. Die Wertschätzung für hochwertige Nahrungsmittel haben ihm seine Eltern mit auf den Weg gegeben: «Wir hatten nicht viel Geld, aber immer das beste Olivenöl», erzählt Hungerbühler. Mit dem Obst-Kurier Öpfelchasper hat sich Hungerbühler im letzten Jahr gemeinsam mit einem Kollegen ein zweites Standbein aufgebaut. Per Velokurier liefert das Unternehmen Zweimal wöchentlich Biofrüchte aus der Region in die Büros der Stadt. Die Nachfrage ist gross, mittlerweile beschäftigt Öpfelchasper zwölf Angestellte. Er habe sich in letzter Zeit vor allem mit Papierkram herumgeschlagen und vermisse es, im Laden selbst Hand anzulegen, sagt Hungerbühler. Die Arbeit dürfte ihm so bald nicht ausgehen, ein Einkaufszentrum und auch die Stadt Zürich bekundeten Interesse an einer Zusammenarbeit. Über den Erfolg von Dominik Hungerbühler dürfte sich langfristig auch das städtische Gesundheitsamt freuen.

Text von Ralph Hofbauer, August 2009