DAS GOURMET-LÄDELI IM ZÜRI TIPP

Essen / Trinken, 04.01.2013 

Aufstand der kleinen
Der Quartierladen galt schon als aussterbende Spezies, nun erlebt er in Zürich eine Wiedergeburt. Wie sich die Tante-Emma-Läden in der Moderne behaupten können, zeigen zwei Beispiele. «Wir sehen die Leute, die zu uns kommen, nicht nur als Kunden, son- dern als gute Bekannte», sagt Dominik Hungerbühler. Und was mit Liebe gemacht ist, kommt eben an...

 

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von Alexander Kühn

Scheint die Sonne an die Scheibe des Quartierladens Nah und Fein im Kreis 6, spiegelt sich im Glas der grosse orange Schriftzug des Grossverteilers, der auf der anderen Strassenseite eine bestens sortierte Filiale mit Metzgerei und Fischabteilung betreibt. Ein ungeschickter Standort also? «Nein», sagt Carolyn Maurer, die Inhaberin des auf Lebensmittel aus der Region spezialisierten Geschäfts. «Wir haben uns ganz bewusst für diese Lokalität entschieden. Denn bei uns finden die Quartierbewohner Produkte, die es in der Migros nicht gibt.»

Ein einfaches, aber effektives Erfolgsrezept. Während der Tante-Emma-Laden einst eine aussichtslose Schlacht gegen die Detailhandelsriesen schlug, besetzen heute in der Stadt Zürich Geschäfte wie Nah und Fein, L’ULTIMO BACIO oder Betulius & Hauri selbstbewusst die Lücke, die die uniformen Grossbetriebe frei lassen. Ihr Augenmerk richten die Kleinen auf fairen Handel, Nachhaltigkeit sowie jenen Touch von Exklusivität, den die urbane, gut situierte Kundschaft schätzt. «Dass wir uns allein mit Most und Kartoffeln vom Bauernhof nicht würden über Wasser halten können, war schnell einmal klar», sagt Carolyn Maurer, der zunächst vor allem eine Kooperation mit Landwirten aus dem Umland vorschwebte. Heute reicht ihr Angebot vom Bündner Birnbrot aus Lavin bis zu kalt geräucherten Felchen vom Berufsfischer Fritz Hulliger aus Uerikon am Zürichsee. Dem Credo, abgesehen von ein paar Zitronen und Orangen im Winter, keine importierten Waren anzubieten, ist sie aber treu geblieben. Die neuen Quartierläden können und wollen keine Konkurrenz für die grossen Player im Lebensmittelmarkt sein, wohl aber eine interessante Ergänzung und ein Denkanstoss, wie man auch noch einkaufen könnte.

Ihr Erfolg gründet dabei längst nicht nur auf den Regalen und Kühltheken. Zum lustvollen Einkaufen trägt auch die Nähe des Ladenpersonals zur Kundschaft bei. «Wir sehen die Leute, die zu uns kommen, nicht nur als Kunden, sondern als gute Bekannte», sagt Dominik Hungerbühler, der seit rund sieben Jahren in Wipkingen den Quartierladen L’ULTIMO BACIO betreibt – in unmittelbarer Nachbarschaft zu zwei Filialen der Grossverteiler. Hungerbühler nutzt konsequent den Dialog mit den Ladenbesuchern, um sein Angebot nach deren Gusto zu erweitern. «Es kommt durchaus vor, dass jemand zu uns kommt und sagt: ‹Schaut einmal dieses Produkt an. Wäre das nicht auch etwas für euch?› Dann gehen wir dem natürlich nach», erklärt er.

«Persönlichkeit» ist ein weiteres Schlüsselwort im Wettkampf um Kundschaft. Im Fall von L’ULTIMO BACIO, der montags bis samstags von 7 bis 23 Uhr geöffnet ist, heisst das, dass Inhaber Hungerbühler stets die Augen nach besonderen Produkten offenhält und seiner Intuition vertraut. «Sachen zu entdecken, welche die Leute noch überraschen, treibt mich an», erläutert er seinen kaufmännischen Grundsatz, mit dem er den Umsatz in den letzten sieben Jahren verdreifacht hat. 

So fand ein bulgarischer Rotwein vom Schwarzen Meer ebenso den Weg ins Sortiment wie ein Dinkelbrötchen mit grünen Oliven. Letzteres verdankt die anspruchsvolle Ultimo-Bacio-Kundschaft einem Abstecher des Chefs nach Italien. «Weil mir ein Brötchen so ausgezeichnet schmeckte, habe ich den Bäcker angesprochen und das Rezept, das ursprünglich auf Weizen basierte, zusammen mit ihm variiert», erinnert sich der gebürtige Thurgauer. Auf ein eigenes Profil achtet er auch beim Personal: «Ich stelle nicht die einfachsten Leute ein, sondern die interessantesten.»

Dominik Hungerbühler ist – wie Carolyn Maurer vom Nah und Fein – ein absoluter Quereinsteiger im Verkauf. Er war Lehrling auf einer Bank, Sozialarbeiter in einem Kinderheim, Schauspieler in Holland und schliesslich Olivenölkurier in Zürich. In dieser Funktion lernte er auch die Inhaberin des Ladens in Wipkingen kennen, der nun unter dem Namen L’ Ultimo Bacio ein Sinnbild für das Geschäftsmodell des modernen Quartierladens ist. Verkaufen ist für Hungerbühler und seine Kollegen kein Beruf, sondern eine Berufung.

Und was mit Liebe gemacht ist, kommt eben an – bei Studenten genauso wie bei Anwälten oder Hausfrauen. Erst recht in der Stadt Zürich, wo es dank Globus oder Jelmoli zwar nicht an kulinarischem Luxus mangelt, sich viele Menschen aber eine hochwertige Alternative zur durchgestylten Perfektion der Warenhäuser wünschen. Einen Markt mit Dach und Verkäufern, die hinter ihren Produkten stehen und zu manch einem eine interessante Geschichte zu erzählen wissen.